Sehr geehrte Damen und Herren
Liebe Schützinnen und Schützen
Welch beeindruckender Anblick! Es freut mich zu sehen, wie Sie hier zusammenstehen. Denn es ist wieder einmal Zeit, zusammenzustehen. Zeit für die Schweiz, aber auch Zeit für die Luftwaffe, zusammenzurücken und für eine gemeinsame Sache einzustehen. Genauer gesagt für mehrere gemeinsame Sachen, denn die Welt wird immer komplizierter und es scheint mir nicht mehr so ganz einfach, in zwei drei Sätzen klar zu machen, worum es geht und für was man zusammenstehen soll.
Da sind zum einen zwei Hauptthemen der Zeit:
Die sicherheitspolitische Bedrohung und die Verunsicherung.
Das eine wird überbewertet und das andere unterbewertet. Zur Bedrohung: Die Weltbevölkerung wächst in atemberaubendem Tempo. Jedes Jahr um ca. 80 Mio Menschen. Das entspricht der Bevölkerung der Bundesrepublik Deutschland. Und 95% dieses Wachstums findet in den Städten der Entwicklungsländer statt. Entwicklungsländer von heute sind aber nicht mehr die Orte der reinen Armut wie früher: Dort gibt es nämlich heute zum Beispiel auch Internet. Die Leute dort sehen also, in welchem Luxus und Komfort wir leben. Und den wollen sie auch. Deshalb wollen die Chinesen jetzt nicht mehr Velo fahren sondern ein Auto haben. Und fast alle wollen Fleisch essen.
Beides führt zu einem riesigen Energiebedarf. Und damit sind Verteilkämpfe vorprogrammiert. Ich bin etwas skeptisch wenn man mir erzählen will, wie tief der Friede in Europa jetzt und morgen sein soll. Ich bin darum skeptisch, weil mir das die gleichen Leute sagen, die noch 1988 nichts vom Zusammenbruch des Ostblocks gewusst haben. Und die Grossväter dieser Leute sind wahrscheinlich die, welche im Sommer 1939 im Parlament dagegen gewesen sind, neue Flab-Kanonen zu beschaffen. Die brauche man nicht, hat es damals geheissen.
Es geht nicht darum, den Teufel an die Wand zu malen. Es geht aber darum, nicht Brandstifter am eigenen Haus zu sein und gleichzeitig die Feuerwehr abzuschaffen. Wissen sie, wie lange ich meine Jetpiloten ausbilden muss, bis sie fähig sind, einen Luftkampf zu fliegen? 8 Jahre! Darum kann ich mit dem Wort "Aufwuchs" nichts anfangen. Die Zeit wird NIE langen, um irgendwohin zu wachsen. Oder glaubt jemand im Ernst, wenn es dann brenzlig werde und es der Wirtschaft wegen drohenden Sabotageakten schlecht geht, glaubt jemand, dann gäbe es dann mehr Geld für die Armee und man könne die Bestände herauffahren? Das glaube ich nicht. Ich glaube eher, dass die Dynamik der Bedrohung unterschätzt wird. Wenn die Armee dann nicht schnell genug reagieren kann werden wieder genau diejenigen laut ausrufen, die vorher keine Gelegenheit ausgelassen haben, um uns Mittel zu streichen.
Die Bedrohung wird also unterschätzt.
Die Verunsicherung wird aber überschätzt.
Denn nur weil man hintendrein weiss, wie die Geschichte abgelaufen ist, ist früher gar nichts sicherer gewesen. Oder glaubt jemand im Ernst, 1939 bis 1945 seien die Menschen in unserem Lande nicht verunsichert gewesen? Oder 1315? Meine Damen und Herren, der Kampf ums nackte Überleben ist auch bei uns noch gar nicht so lange her. Ein Blinddarm oder ein Gallenstein war noch bis ins letzte Jahrhundert eine tödliche Bedrohung. Heute ist das kein Problem mehr, nach zwei drei Tagen ist alles wieder wie vorher oder sogar noch besser. Und wir jammern, wir seien verunsichert!
Wahrscheinlich verwechseln wir etwas. Wir verunsichern uns nämlich mit unserem übertriebenen Egoismus gerade selber: Die Gesellschaft hat sich verändert. Weg vom wir - hin zum ich. Das spüren alle: Vereine, Politik, Familie, das Militär ja sogar die Kirche.
Alle haben Mühe, engagierte Leute zu finden. Alle kämpfen um Respekt. Wenn jeder für sich schaut, ist für alle geschaut, scheint das Motto von vielen zu sein. Und jetzt wird noch einer draufgesetzt: Nicht nur, dass jeder für sich schaut, er schwatzt dem anderen auch noch pausenlos drein und beschneidet die Freiheit des Mitmenschen, damit er sich noch breiter machen kann:
Ich will hier essen und du darfst nicht rauchen. Ich will mit dem Flieger in die Ferien aber du darfst nicht über mein Haus fliegen. Ich will in der Natur spazieren, aber mit dem Auto dorthin und du darfst keinen Hund mitnehmen! Ich will am Dorfrand wohnen aber du darfst hier nicht schiessen!
Liebe Schützinnen und Schützen, so geht es nicht. Wir, sie und ich, haben die Auswüchse dieses Egoismus am eigenen Leibe erfahren: Da sind neben Scheibenständen Bauzonen errichtet worden. Die Käufer haben unterschreiben müssen, dass sie den Schiesslärm akzeptieren und nicht dagegen sind. Und wer musste dann aus dem Dorf zügeln als es Einsprachen gegeben hat? Der Schiessverein!
Bei meinen Flugplätzen ist es dasselbe: Die sind schon lange da gewesen. Auch in Sitten und auch in Meiringen. Häuser gebaut hat man trotzdem. Und die Arbeitsplätze und das Geld und die Investitionen hat man gerne genommen. Und jetzt möchte ich als Kommandant der Luftwaffe dort fliegen und es macht 10 mal pro Tag 30 Sekunden Lärm. Grossen Lärm, das streite ich nicht ab. Aber 10 mal 30 Sekunden viel Lärm pro Tag für fast 200 Arbeitsplätze, das ist doch eigentlich nicht so schlecht, oder? Ich befürchte aber, dass die Flugplätze gehen müssen, wenn es so weiter geht. Wie die Schiessstände.
Das kann es doch nicht sein.
Die Bedrohung wird unterschätzt, die Verunsicherung wird überschätzt, der Egoismus grassiert. Diese Mischung von Fehleinschätzungen sollten wir bekämpfen:
1. Es muss in der Sicherheitspolitik wieder Klartext gesprochen werden. Es kann nicht sein, dass man das Wort Verteidigung aus den Reglementen der Armee streicht. Was alles dazu gehört und was nicht ist für mich ein uninteressanter Definitionenstreit. Die Armee muss fähig sein, einen Angriff auf unser Land abzuwenden. Wo und wie auch immer dieser Angriff erfolgt. Und deshalb braucht auch nicht die Luftwaffe einen Ersatz für die alten Tigerflugzeuge sondern die Armee und unser Land brauchen einen Ersatz für die veralteten Tiger. Denn nur die Kombination von Heer und Luftwaffe erbringt die nötige Schlagkraft. Ob dieser Fall in den nächsten 5 Jahren eintreffen kann oder nicht ist völlig irrelevant. Wir brauchen sicher länger zum trainieren als uns Zeit gegeben wird.
2. Die raison d'être der Armee ist letztlich nicht das WEF, nicht die EURO, nicht das Lauberhorn, nicht die Logistik. Die raison d'être sind letztlich die Kampfverbände. Der Schütze an der Front am Boden und in der Luft, der auch aber nicht nur schiessen kann.
3. Wir sollten einander wieder mehr schätzen, statt dauernd Fehleinschätzungen zu machen. Das Land braucht mehr OK-Präsidentinnen, mehr Patrons, mehr Soldaten, Offiziere, mehr freiwilliges Pflegepersonal, mehr Vereine, mehr Schützenvereine, mehr Familien. Sie sind unsere gesellschaftlichen Schätze.
Sie, liebe Schützinnen und Schützen, sie können bei der Erreichung dieser Ziele helfen: Denn alles fusst auf drei Schützentugenden:
1. Traditionsbewusstsein: Sie hilft uns, nicht zu vergessen, wie es einmal gewesen ist und nicht den gleichen Fehler zweimal zu machen
2. Verantwortungsbewusstsein: Das bedeutet, nicht nur die Tradition zu pflegen, sondern die auch zum Wohle unserer Gesellschaft anzupassen. Das heisst auch, dem überbordenden Egoismus einen Riegel zu schieben.
3. Fast das Wichtigste: Gelassenheit und eine ruhige Hand. Mir persönlich hilft, dass ich gewisse Fernsehsendungen gar nicht mehr schaue und gewisse Zeitungen gar nicht mehr lese. Ich mag nicht mehr zusehen, wie jeden Sonntag eine andere Sau durchs Dorf getrieben wird. Oder wissen sie noch, was vorletzten Sonntag in der Zeitung stand? Eben.
Meine sehr verehrten Damen und Herren. Ich danke Ihnen ganz herzlich für Ihre auch heute wieder spürbaren Tugenden: Traditionsbewusstsein, eine ruhige Hand und Verantwortungsbewusstsein. Die Schweiz braucht mehr davon. Schätzen wir einander! Schätzen wir das Zusammenstehen!
Merci und noch einen recht schönen Ausklang vom Morgartenschiessen 2008!



