1998 fand mit dem «Bambini-Code» ein Kapitel Schweizer Militärfluggeschichte fast unbemerkt sein Ende.
Die Entstehung des «Bambini-Codes» geht auf den Zweiten Weltkrieg zurück, als noch legendäre Maschinen wie die Morane D-3800 oder die Messerschmitt Me-109 den Schweizer Luftraum überwachten. Die lautstarken Motoren und die bescheidene Qualität des Funkverkehrs erforderten eine gut verständliche Funksprache, die Missverständnisse möglichst ausschloss. Das Ergebnis war der «Bambini-Code», ein Vokabular von über 500 Wörtern aus vorwiegend lateinischstämmigen Sprachen, mit denen sich Piloten und Bodenmannschaften trotz Lärm und Rauschen im Kopfhörer verständigen konnten.
Klarheit war die Devise
Anders als beim «Navajo-Code», den die US Marines im Zweiten Weltkrieg verwendeten, ging es beim «Bambini-Code» nicht um Verschlüsselung, sondern im Gegenteil um bestmögliche Klarheit. Entsprechend wurden Worte verwendet, die laut Reglement über den Flugfunk «aufgrund ihrer Klangprägnanz» gut zu verstehen waren. Viele Begriffe haben einen italienischen Klang, da sich am damaligen Kurzwellenfunk Vokale am besten übertragen liessen. Bei anderen Ausdrücken liessen die Schöpfer dieser «fünften Landessprache» ihrer Fantasie freien Lauf – und bewiesen auch ihren Sinn für Humor.
So wurden eigene Flugzeuge sinnfällig als «Angeli» (Engel) bezeichnet, fremde, feindliche dagegen als «Diaboli» (Teufel), Jagdflugzeuge waren «Bibi» und Transportflugzeuge «Camion». Mit «Bambini» ging ein Aufruf «an alle». In gleich bildhafter Weise wurden die Himmelsrichtungen mit «Norwega» (Norden), «Atlanta» (Westen), «Sudan» (Süden) und «Mekka» (Osten) angegeben, während der Flugplatz schlicht «Campo» hiess. Schlimm war es, wenn ein Pilot «Parterre» und «Salat» in sein Mikrofon rief, da er die Minimalflughöhe erreicht und die Übersicht verloren hatte. Mit «Vitamine» forderte er danach wohl Verstärkung an, und wenn das nichts nützte, so war er wohl bald einmal «in Beresina» (auf dem Rückzug). Wer meint, dass sich die Piloten mit «ritorno Casino» und «Campari» nach einem Flug zur Erholung einen Aperitif im Spielcasino genehmigen wollten, irrt, denn damit waren die Heimkehr zur Basis und das Nachfüllen von Flugbenzin gemeint.
«Nobis capito»
Dies alles ist im Äther seit einigen Jahren nicht mehr zu hören. Laut einem Artikel von Dölf Barben im «Berner Bund» vom 6. März 1999 zeichnete sich das Ende des «Bambini-Codes» schon länger ab. Es begann mit dem Auslandtraining der Jet-Piloten auf Stützpunkten, auf denen auch Luftwaffen anderer Länder eingemietet waren und mit denen man sich auch verständigen musste. Ein grösserer Teil fiel ausserdem weg, als 1994 der Hawker Hunter ausgemustert und der Erdkampf eingestellt wurde. Auch beim Pilotenaustausch mit den USA im Zusammenhang mit der Einführung des Boeing F/A-18 Hornet wäre der «Bambini-Code» kaum sinnvoll gewesen: Die Amerikaner hätten schlicht «nobis capito» (nichts verstanden).
Im Zeichen der internationalen Interoperabilität, das heisst der Zusammenarbeit mit anderen Ländern, wird daher heute auch in der Schweizer Luftwaffe durchgehend die englische taktische «Voice» als Funksprache verwendet. Der «Bambini-Code» ist durch den in der Nato gebräuchlichen «Brevity Code» ersetzt worden, weil gemeinsames Trainieren die gleiche Sprache voraussetzt. Aus dem fast schon poetischen «ritorno Casino» wurde das formelle «RTB» (return to base). Trotzdem ist der «Bambini-Code» noch nicht ausgestorben. Denn dieses typisch «schweizerische Urgewächs», wie es Jürg Nussbaum, Chef Kommunikation Luftwaffe, im «Bund» genannt hat, ist durch jahrelanges Training in den Pilotenköpfen förmlich hartgelötet. Allerdings wird der Code nicht mehr am Funk, sondern als Geheimsprache auf Sportplätzen oder in Bars benutzt. Seis nun eine steile Flanke nach «lili» (links) oder «rera» (rechts) oder eine hübsche junge Dame, die «nase» (vorne) oder «stabilo» (hinten) am Tisch vorbeigeht – der «Bambini-Code» wird lange weiterleben.


