Kalter Krieg - Die erste Autobahnpiste im Test


- Erste Autobahnstarts in Oensingen 1970
1970 wurden erstmals Lande- und Startübungen mit Venom-DH-112-Kampfflugzeugen auf einem Teilstück des neuen schweizerischen Autobahnnetzes durchgeführt.
Wer heute über das schweizerische Autobahnnetz rollt, denkt wohl kaum darüber nach, wie jung diese so selbstverständliche Errungenschaft eigentlich noch ist. Zwar wurde 1955 die erste kreuzungsfreie «Nur-Autostrasse» der Schweiz eröffnet - die städtische Ausfallstrasse Luzern-Süd - und es folgte 1963 die Autobahn Genf-Lausanne im Hinblick auf die Expo-64 in Lausanne. Doch als offizielle Autobahn-Geburtsstunde dürfte der 21. Juni 1960 gelten, Datum des Bundesbeschlusses über das Nationalstrassennetz. Die damals mit 85 km längste zusammenhängende Autobahn der Schweiz - Bern-Lenzburg - wurde am 10. Mai 1967 mit dem Abschluss des Teilstücks Oensingen-Hunzenschwil für den Verkehr freigegeben.
Bei der Planung des Autobahnnetzes wurde die Forderung der Fliegertruppe nach Ausweichlandepisten berücksichtigt. Auf verschiedenen Autobahnabschnitten wurde eine gerade Linienführung von etwa 2 km gewählt. Die Leitplanken wurden durch Stahlseile ersetzt. Sie können bei Bedarf innert weniger Stunden von der Truppe entfernt werden. Nach einer Reinigung der Fahrbahnen, dem Aufmalen der Landezeichen und dem Einrichten der Funkverbindungen kann ein Autobahnteilstück von Flugzeugen benützt werden.
Das erste Teilstück bei Oensingen wurde am 16. September 1970 von 12 bis 15 Uhr zweckentfremdet. Eine militärische Übung, die charakteristisch war für den Kalten Krieg. Die Geheimhaltung im Vorfeld war dementsprechend gross. Alle unnötigen Bekanntmachungen waren zu vermeiden - selbst das Datum sollte möglichst geheim gehalten werden. Doch so ein Anlass liess sich schon damals nicht verheimlichen. Viele Zuschauer/innen wohnten dem faszinierenden Spektakel bei und die Medien berichteten darüber.
Die durch das Flieger- und Flugplatzregiment 3 mit De Havilland DH-112 Venom durchgeführte Übung stellte grosse Ansprüche an die Infrastruktur und an das Können der Piloten. Die Übung verlief erfolgreich und mit guten Erfahrungen, die als Lehrstück für weitere Lande- und Startübungen auf anderen Abschnitten im schweizerischen Autobahnnetz dienten.


- Am 26. September 1974 landeten zum ersten Mal Hunter auf der N6 bei Münsingen (BE).
Am 24. März 1982 fand auf der Autobahn N6 zwischen Bern und Thun die Übung «Tauto» statt. Zum ersten Mal landete das damals modernste schweizerische Kampfflugzeug, der Northrop F-5 Tiger II, auf einer Autobahn. An der Übung des Flugplatzregimentes 2 beteiligten sich die Fliegerstaffel 7 (Fl St 7) mit Hawker Siddeley Hunter und die Fl St 8 mit Tiger, beide vom Fliegergeschwader 13 (Fl Geschw 13) aus Meiringen und die Fliegerstaffel 11. Neben den Tigern und Hunter kamen Pilatus P-3 und Sud Aviation Alouette III zum Einsatz. Der Parkplatz der Autobahnraststätte «Windrose» bei Münsingen diente für einmal auch den Flugzeugen der Schweizer Luftwaffe. Die Starts erfolgten unter einer Autobahnbrücke hindurch. Mit dem Hunter F Mk 58 J-4044, der über eine eingebaute Heckkamera verfügte, wurde die erste Landung gefilmt. Der Autobahnabschnitt bei Münsingen war bereits acht Jahre zuvor, am 26. September 1974, Schauplatz von Venom- und Hunter-Landungen.


- Major Wicki «beim Tanken» auf der Autobahnraststätte «Windrose».
Schweizer Premiere: Bei der Autobahnlandung vom 24. März 1982 bei Münsigen war Major Rudolf Wicki als Geschwaderführer vom Fl Geschw 13 in Meiringen «fliegerischer» Übungsleiter und landete deshalb als allererster Pilot der Luftwaffe mit dem Doppelsitzer F-5F Tiger II auf diesem Autobahnstück.


Lagebesprechung am 24. März 1982 bei der Autobahnraststätte Münsingen zwischen Major Rudolf Wicki und Divisionär Ernst Wyler.


Ein Northrop F-5F Tiger II rollt nach der Landung auf der N6 unter der Brücke durch zur Tankstelle «Windrose».


Ein Hawker Siddeley Hunter startet auf einer anderen Autobahn.
Lande- und Startübungen auf der Autobahn wurden letztmals am 14.11.1991 auf der N2 bei Lodrino im Tessin durchgeführt. Inzwischen wurden die Autobahn-Flugpisten aufgehoben, die fünf Notlandepisten auf dem Nationalstrassennetz fielen dem Rotstift der Armeereform 95 zum Opfer.
Die Autobahn-Übungen im Überblick
| 16.09.1970 | Oensingen | N1 | Flpl Abt 9 (ALP-12 Venom) |
| 26.09.1974 | Münsingen | N6 | Flpl Abt 12 (INT-Venom) und Flpl Abt 13 (MEI-Hunter) |
| 28.09.1977 | Flums | N13 | Flpl Abt 9 (ALP-Hunter) |
| 01.06.1978 | Alpnach | N8 | Flpl Abt 9 Start 6 Hunter ab Autostrasse |
| 06.05.1980 | Aigle-Bex | N9 | Flpl Rgt 1 (RAR, TUR, SIO 36 Hunter) |
| 24.03.1982 | Münsingen | N6 | Flpl Rgt 2 (MEI-Hunter und Tiger, INT-Hunter?) |
| 15.10.1985 | Flums | N13 | Flpl Abt 8 (AMB, MOL-Hunter, ALP-Tiger) |
| 29.09.1988 | Alpnach | N8 | Flpl Abt 9 Start 12 Tiger ab Autostrasse |
| 16.11.1988 | Sion | N9 | Flpl Abt 4 Start (SIO, 8 Tiger) |
| 14.11.1991 | Lodrino (TI) | N2 | Flpl Abt 8 (AMB, MOL-Hunter, ALP-Tiger) |
Militärflugplatz Autobahn
Unter dem Titel «Militärflugplatz Autobahn» erschien im Schweizer Luftfahrtmagazin SkyNews.ch
, Ausgabe vom Oktober 2010, ein mehrseitiger Bericht zu diesem Thema. Er wurde der Luftwaffe freundlicherweise vom Chefredaktor und Verleger, Herr Hansjörg Bürgi für die Publikation auf unserer Webseite zur Verfügung gestellt.