BL-64 Bloodhound
Flab-Raketen für den oberen Luftraum
fhm. Erstmals erfolgreich abgeschossen wird eine gelenkte Rakete am 3.10.42 in der Heeresversuchsanstalt Peenemünde der deutschen Wehrmacht. Es ist die V 2, mit der Deutschland die allierten Gegenangriffe «vergelten» will. Seit 1932 hat eine Wissenschafter-Gruppe unter Wernher von Braun an flüssigkeitsgetriebenen Versuchsraketen gearbeitet. Das imposante, 14 m lange und 12 t schwere Projektil ist aber nicht kriegsentscheidend; wichtiger sind unspektakuläre Entwicklungen etwa der Briten im Radar-Bereich. Gleichzeitig arbeiten die Deutschen aber auch an Boden-Luft-Flakraketen, an der grossen «Wasserfall» und an der kleineren «Taifun».
Verstärkung der terrestrischen Fliegerabwehr in der Schweiz
1958 bildet der Waffenchef der Flieger- und Fliegerabwehrtruppen eine Arbeitsgruppe Lenkwaffen, welche zusammen mit der Kriegstechnischen Abteilung und anderen Dienststellen die Frage der Flab-Lenkwaffen studiert. Im Vordergrund stehen amerikanische und englische Systeme.
Der Bundesrat legt in seiner Botschaft vom 30.6.60 betreffend die Organisation des Heeres (Truppenordnung) die Notwendigkeit der Anpassung unserer Flab-Mittel an die Anforderungen der modernen Kriegführung dar. Am 14.7.61 folgt die Botschaft betreffend die Verstärkung der terrestrischen Fliegerabwehr.
Bedrohungsanalyse von 1961
Anderseits sind in einem möglichen Krieg Luftangriffe auf Zentren, Industrieanlagen, Verkehrswege, die Armee selbst und ihre Lager und Einrichtungen wahrscheinlich. Eine Evakuation der Zivilbevölkerung aus den Grossagglomerationen im Mittelland kann nicht verwirklicht werden. Ein Angreifer wird aber Erdoperationen mit Luftangriffen einleiten. Die Zerstörung der Elektrizitätsanlagen würde unser Land der wichtigsten Energiequellen berauben. Angriffe auf Staubecken und Verkehrswege hätten verheerende Folgen. Es ist denkbar, dass ein Konflikt, in den wir verwickelt werden, sich auf einen reinen Luftkrieg beschränkt. Flugwaffe und Fliegerabwehr müssen in der Lage sein, den Luftraum in jeder denkbaren Eskalationsstufe wirksam zu verteidigen. Als Ergänzung kommen passive Massnahmen wie der Luftschutz (=Zivilschutz) hinzu.
Für die militärische Führung vordringlich ist der Schutz der Kampftruppen vor Fliegerangriffen und die Erhaltung des Verkehrsnetzes. Verlangt werden Luftverteidigungsmittel, die rasche Feuerkonzentration ermöglichen und die sich gegenseitig ergänzen. Für Jagdaufgaben sind zurzeit allein die Hunter-Flugzeuge geeignet; sie werden durch Mirage-Verbände abgelöst werden. Die erdgebundene Fliegerabwehr obliegt den vorhandenen Flab-Verbänden. Für die Raumverteidigung sind dies die schweren Flababteilungen. Ihre 7,5-cm-Kanonen haben aber seit ihrer Einführung keine wesentliche Verbesserung erfahren. Sie müssen mit Flablenkwaffen ergänzt werden. Diese können die mit Lenkwaffen oder Bomben ausgerüsteten Angriffsflugzeuge, die in Höhen bis 20’000 m operieren, wirksam bekämpfen.
Bloodhound und Mittelkaliber-Flab
Für den mittleren Luftraum schliesslich wird eine elektronisch gesteuerte automatische Kanone mittleren Kalibers zur Beschaffung vorgeschlagen. Die Wahl des Kanonentyps ist noch nicht erfolgt. Am 13.12.61 beschliesst die Bundesversammlung die Beschaffung von Bloodhound (300 Mio Franken) und Mittelkaliber-Flab (247 Mio). Die Kredite werden nicht überschritten und die Beschaffung des Systems BL-64 erfolgt weitgehend pannenfrei. 1964-1968 werden 68 Feuereinheiten mit einer dreifachen Lenkwaffendotation geliefert, die Bauten und Einrichtungen dafür 1963-1967 realisiert. Projektleiter BL-64 ist Brigadier Rudolf Meyer, ab Ende 1964 Brigadier Antoine Triponez; 1963 ist auch Oberst i Gst Hermann Schild dabei.
Bloodhound-Beschaffungsschritte
| 13.12.61 | Zwei Flab-Lenkwaffenabteilungen Bloodhound einschliesslich Ausbildungsmaterial, Zubehör, Ersatzteile und Munition (300 Mio) |
| 26.9.63 | Ergänzungskredit für Bauten und Einrichtungen (80 Mio) |
| 1968 | Kredit für die Systemüberprüfung (12 Mio) |
| 3.10.74 | Lenkwaffen-Einsatzsimulator (5,7 Mio) |
| 5.10.83 | Zusätzliche Startraketen Bloodhound (65 Mio) |
Ausbildung der Truppe
1964 wird im Beisein von EMD-Chef Paul Chaudet, Generalstabschef Jakob Annasohn und Divisionär Etienne Primault, Kommandant der Flieger- und Fliegerabwehrtruppen, die erste Feuereinheit BL-64 übernommen. 1965 beginnt die Umschulung der Schweren Fliegerabwehrabteilungen 40 und 41 auf die neue Waffe. Die Lenkwaffenstellungen LU und AG sind 1966 einsatzbereit. 1967 wird das Flab-Lenkwaffenregiment 7 gebildet, erster Kommandant ist Oberst Svoboda. Es ist aus dem Flab Regiment 4 hervorgegangen. Die operationelle Bereitschaft der Stellungen FR, ZG, ZH und SO folgt 1968.
Die Kommandanten der Flab Lenkwaffenschule Emmen
| 1964 - 1974 | Oberst i Gst Otto Svoboda |
| 1975 - 1977 | Major i Gst Manfred Troller |
| 1977 - 1982 | Major i Gst Oswald Fischer |
| 1982 | Oberstlt i Gst Manfred Troller |
| 1983 - 1986 | Oberst i Gst Peider Ruepp |
| 1987 - 1990 | Oberst Hanspeter Wyss |
| 1991 - 1993 | Oberst i Gst Josef von Rohr |
| 1994 - 1997 | Oberst i Gst Rudolf Steinmann |
Kontrollschiessen in England
BL-64 bewährt sich
Am Ende der Manöver rollen in Emmen ein Dutzend Ladefahrzeuge mit den imposanten Missilen an einem staunenden Publikum vorbei. Erst 1982 wieder ist das ganze Regiment im Dienst und wird in der Übung Blasius überprüft. In dieser und den weiteren Übungen Avanti, Safari, Supersafari und Blasius 86 wird die rasche Kriegsmobilmachung zur Routine im Flab-Lenkwaffenregiment 7.
Der Kampfwert der Lenkwaffen wird gesteigert: 1984 kann ein Rechner mit grösserer Kapazität beschafft werden, 1987 wird mit dem damit verbundenen Umbau der Stellungen begonnen, Ende 1990 kann die Umschulung der Truppe abgeschlossen werden. Der Einsatz wird an Simulatoren und gegen fliegende eigene Ziele geübt. Die Florida-Einsatzzentrale koordiniert Lenkwaffen-Einsätze mit den eigenen Jagdflugzeugen. Mirage und Bloodhound ergänzen sich ideal. Die Rakete zeichnet sich durch hohe Störfestigkeit aus, es ist eine modernisierte Waffe, die mit der ursprünglich beschafften Rakete nur noch Name und Äusseres gemeinsam hat. Von den Schweden können zusätzliche Raketen übernommen werden.
Bloodhound ungeeignet für Lenkwaffen-Abwehr
Betroffene Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wurden in das Luftraumüberwachungsprojekt Florako übernommen, das Gros des Lenkwaffenregiments 7 ins Drohnengeschwader 7 überführt. Dieses neue Geschwader ist für Einsatz und Betrieb der Aufklärungsdrohne 95 (ADS 95) verantwortlich.
Ausblick
Ein mögliches Nachfolgesystem für Bloodhound kann frühestens nach 2005 ins Auge gefasst werden. Bis dahin übernehmen die Jagdflugzeuge F/A-18 Hornet allein die Flugzeugbekämpfung im oberen Luftraum. Die rechtzeitige Erfassung und Bekämpfung von Boden-Boden-Raketen aber bedarf einer europäischen Zusammenarbeit.
Die ehemalige Bloodhound-Stellung ZG auf dem Gubel oberhalb Menzingen ist als Lenkwaffenmuseum erhalten geblieben und im Rahmen von Führungen für die Öffentlichkeit zugänglich. Interessierte wenden sich an den Bloodhound-Spezialisten
- Fredy Flückiger, Telefon 041 280 38 57
Zuständig für den Museumsbetrieb ist die im Jahre 1994 errichtete Militärhistorische Stiftung des Kantons Zug
, welche auch andere Festungswerke in Zug, Menzingen, Unterägeri und Oberägeri übernommen hat.
Die folgenden Fotos wurden von einem Mitarbeiter der Luftwaffe anlässlich einer Besichtigung dieser letzten noch existierenden «Museumsstellung» geschossen.
Die Kommandanten Flab Lwf Rgt 7
| 1967 - 1968 | Oberst i Gst Otto Svoboda |
| 1969 - 1973 | Oberst i Gst Hans-Rudolf Schild |
| 1974 - 1976 | Col EMG Henri Criblez |
| 1977 - 1980 | Oberst Jakob Mattli |
| 1981 - 1984 | Oberst i Gst Manfred Troller |
| 1985 - 1988 | Oberst Erich Ott |
| 1989 - 1991 | Oberst i Gst Beat Wüthrich |
| 1992 - 1995 | Oberst Jack Eigenherr |
| 1996 - 1999 | Oberst René Schmidlin |
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