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Schweizer Luftwaffe

Interview

Ein dynamisches Museum in Payerne
Ein dynamisches Museum in Payerne

Unser Interview mit Claude Nicollier und Fernand Carrel

Ein dynamisches Museum in Payerne
In Payerne soll bald ein Museum für Jet-Militärflugzeuge aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstehen. Dies dank der Anstrengungen eines Teams um NASA-Astronaut Claude Nicollier, Präsident des Stiftungsrats, und Fernand Carrel, unserem ehemaligen Kommandanten. Sie erläuterten ihr Projekt anlässlich eines Besuches in Payerne.

 

Wir treffen um 9 Uhr in Payerne ein. Der Nebel ist stockdick, die Ruhe gespenstisch. A.Korpskommandant Fernand Carrel wartet bereits beim Kaffee. Ein paar Minuten später stösst Claude Nicollier dazu. Er erzählt uns, dass er kürzlich bei der «Amicale romande des joueurs de cor des Alpes» in Gryon VD aufgetreten sei. Für ihn sei es wichtig, auch in kleine Dörfer zu gehen. Und er hat den Alphornbläsern den Wunsch erfüllt, ein Musikstück in den Weltraum mitzunehmen. Eine sehr sympathische Geste, die typisch ist für Claude Nicollier.
Im «Salle de séjour» stellen sich Claude Nicollier und Fernand Carrel unseren Fragen.

 

Claude Nicollier und Fernand Carel
Claude Nicollier und Fernand Carel

Claude Nicollier, welches ist die Motivation eines Astronauten für die Geschichte?

Claude Nicollier: Das Hauptziel unseres Projekts ist der Erhalt eines kulturellen Erbes. Wir haben in der Geschichte unserer Luftwaffe verschiedene Epochen gehabt, aber eine war besonders interessant - dies aus materieller Sicht, wegen der Anzahl Flugzeuge, aber auch in Bezug auf den Enthusiasmus, der in den Miliz- und Profistaffeln herrschte. Es ist die Zeit von ca. 1950 bis Ende des letzten Jahrhunderts. Wir besassen bis zu 300 Kampfflugzeuge, die damals sehr modern waren - den Vampire, Venom, Hunter und Mirage, dann den Tiger und Hornet. Eine derartige Vielfalt war aussergewöhnlich und wird es künftig sicher nicht mehr geben. Wir wollen dieses Erbe durch die Konservierung des Materials und zugehöriger Ausrüstungen bewahren und diesen Zeitabschnitt in der Geschichte unserer Verteidigungsmittel durch Konferenzen, geführte Besuche, Übungen am Simulator und vielleicht Flugvorführungen wieder aufleben lassen.

Fernand Carrel: Darf ich in diesem Zusammenhang darauf hinweisen, dass wir mit der Beschaffung des Vampire während einigen Jahren die einzige Luftwaffe in Europa waren, die nur mit Jet-Kampfflugzeugen ausgerüstet war. Und zu Beginn der Mirage-Ära waren wir zusammen mit Frankreich ebenfalls die Einzigen auf unserem Kontinent, die über einen Allwetter-Abfangjäger verfügten, der in verschiedenen Rollen eingesetzt werden konnte.

 

Wer hat das Projekt lanciert?

Claude Nicollier: Es ist die Vereinigung der Fliegerstaffel 5 («Association Cinquième Escadrille»), eine frühere Milizeinheit, die 1994 mit der Stilllegung unserer Hunter aufgelöst wurde. Die «5» war eine Hunter-Milizstaffel aus der Romandie, in die ich 1972 eingeteilt wurde. Die Angehörigen, mit denen ich diese Jahre in der Staffel verbracht habe, gehören zu meinen besten Freunden. Viele von ihnen verfolgen meine Weltraumabenteuer hautnah und sind im Kennedy Space Center mit der Staffelfahne dabei, um die Starts zu meinen entfernten Reisen ins All mit viel Enthusiasmus zu unterstützen. Ich war in den 35 Jahren meiner beruflichen und militärischen Tätigkeit äusserst privilegiert, mitten unter so aktiven und enthusiastischen Menschen zu leben. Die Staffel ist für mich eine unendliche Fundgrube an Erlebnissen im Rahmen einer soliden Freundschaft.

 

Die Luftwaffe bedeutet demnach für Sie eine Art Verankerung mit der Schweiz...

Claude Nicollier: Wäre ich nicht Militärpilot gewesen, hätte ich nicht Astronaut werden können, das ist ganz klar. Ich verdanke der Luftwaffe sehr viel, besonders auch Fernand Carrel, der mich in meiner Tätigkeit als Astronaut wie in der Möglichkeit, trotz Auslandaufenthalt weiterhin Militärpilot bleiben zu dürfen, immer unterstützt hat. 1980 bin ich mit meiner Familie nach Houston gezügelt. Ich bin weiter Hunter geflogen, und dann - bis zu meinem 55. Altersjahr Ende 1999 - Tiger. Heute fliege ich noch PC-9. Militärpilot zu bleiben, trägt für mich dazu bei, einen engen Kontakt mit der Schweiz zu behalten, mit einer sinnvollen Tätigkeit und im Dienste von Werten, die zu verteidigen uns am Herzen liegt.

Fernand Carrel: Ich schicke dir die Blumen zurück. Die Luftwaffe ist natürlich auch stolz, dich in ihren Reihen zu haben.

Claude Nicollier:
Die Ausbildung zum Militärpiloten und das operationelle Training waren 1977 bei meiner Selektion zum europäischen Astronauten essentiell, ebenfalls für den Erhalt meiner operationellen Fähigkeit, essentiell für den Piloten wie für den Astronauten. In einem Militärflugzeug wie in einem Raumschiff geschieht alles sehr schnell. Man muss entscheiden, dann richtig handeln, diszipliniert und methodisch. Auf einem komplexen Flugzeug zugelassen zu bleiben, insbesondere auf einem Düsenflugzeug, ist Teil der Erwartungen an einen Astronauten. Unser Milizsystem hat mir parallel eine Ausbildung und Tätigkeit als Astrophysiker und als Pilot erlaubt. Dies hat mir auch ermöglicht, 1988 in eine Testpilotenschule in England aufgenommen zu werden. Diese Ausbildung war entscheidend für meine astronautische Tätigkeit.

 

Kommen wir zum Museum zurück. Die Vereinigung der Staffel 5 kann sicher nicht alles selbst an die Hand nehmen?

Claude Nicollier: Sie wird durch «Espace passion» unterstützt - eine Vereinigung, die soeben die 400-Mitglieder-Marke übertroffen hat und die sich die Unterstützung dieses Projekts zum Ziel gesetzt hat, zum Beispiel für die Instandstellung der Flugzeuge. Dann, wenn das Projekt einmal realisiert ist, wird «Espace passion» die weitere Verantwortung für die Unterhaltsarbeiten übernehmen. Vielleicht können einige Flugzeuge flugtüchtig gemacht werden. Es ist dies kein vorrangiges Ziel, aber eine Möglichkeit, und es ist klar, dass «Espace passion» an vorderster Front für den Unterhalt des fliegenden Materials einbezogen würde.

 

Was würden Sie all jenen sagen, vor allem in der Deutsschschweiz, die befürchten, dass Payerne eine Konkurrenz für Dübendorf werden könnte?

Fernand Carrel: Diese Frage ist mir oft gestellt worden. Als Erstes möchte ich betonen, dass wir zusammen und mit der Unterstützung der Museumsverantwortlichen in Dübendorf arbeiten. Andererseits haben wir auch das Einverständnis und die Unterstützung des Kommandanten Luftwaffe. Auf nationaler Stufe kann Payerne nur eine Ergänzung zu Dübendorf sein. Auf regionaler Ebene ist die Legitimation grösser. Es gibt das Problem der Distanz zu Dübendorf. Wenn ein Familienvater aus Genf oder Sitten seiner Frau und seinen beiden Kindern Flugzeuge zeigen will, wird er schnell einmal 350 bis 400 Franken für die Fahrkarten zahlen müssen. Dies ist für die Mehrheit der Familien nicht möglich. Unsere Initiative wird übrigens von den Nachbargemeinden begrüsst. Man darf nicht vergessen, dass der Flugplatz ein wichtiger wirtschaftlicher Faktor in der Region ist. Er ist der grösste Arbeitgeber.

 

Welches werden die wichtigsten Unterschiede zwischen den beiden Museen sein?

Fernand Carrel: Im Gegensatz zum Luftwaffenmuseum in Dübendorf wird das Museum in Payerne ausschliesslich dem «Jet Age» gewidmet sein. Es wird also nur Düsenluftfahrzeuge enthalten. Ein anderes Charakteristikum des Payerner Museums liegt in einem dynamischen, umfassenden Besuchskonzept, das die «Flight line», einen oberirdischen Unterstand (U 20), den F/A-18-Simulator und das Museum selbst mit dem interaktiven Teil beinhalten wird. Die Organisation und Durchführung dieser Besuche wäre eine willkommene Unterstützung für den Chef des Betriebes Payerne. Sie beanspruchen heute 0,7 Mannjahre. Eine Auslagerung würde ihn also beträchtlich entlasten.

 

Gibt es in Payerne so viele Besucher/innen?

Fernand Carrel: Allein für den F/A-18-Simulator gab es letztes Jahr mehr als 5'000. Und es muss daran erinnert werden, dass man im Sommer in diesem sehr touristischen Teil der Schweiz - mit den beiden grössten Süsswasser-Bootshäfen in Europa, Chevroux und Portalban, dazu die Campingplätze - das Gefühl hat, dass all diese Leute auf den Flugplatz strömen, sobald es zu regnen beginnt. Es sind schnell einmal 400 bis 500 Menschen, die nur vorbeikommen, um die Flugzeuge starten und landen zu sehen. Dies ist unsere potentielle Kundschaft.

 

Die Gründung eines Museums ist eine anspruchsvolle Angelegenheit. Wie haben Sie sich organisiert?

Fernand Carrel: In Anbetracht der Dimension des Projekts hat die «5» dem Stiftungsrat des Museums Platz gemacht. Es war übrigens eine Bedingung des Generalsekretariats VBS, um das Erbbaurecht für den Bau des Museums zu gewähren. Heute besitzt die Stiftung dieses Recht und ist Besitzerin der Flugzeuge. Seit meiner Pensionierung vertritt Divisionär Pierre-André Winteregg die Luftwaffe im Stiftungsrat.

Claude Nicollier: Wir haben das Glück, im Komitee des Stiftungsrats einen ausserordentlich motivierten Anwalt zu haben, Robert Briner, der Pilot in der «5» war. Er kümmert sich um alle rechtlichen Aspekte. Er leistet einen immensen Dienst.

Fernand Carrel:
Wir haben ein anderes Glück. Jean-Paul Cruchon, auch ein Ehemaliger der «5», ein Ingenieur, macht alle Planungsarbeiten mit seinem Büro und der ehrenamtlichen Kooperation eines Architekten. Als wir unser Projekt der PRO AERO mit Blick auf eine Subvention vorgestellt haben, lösten wir ein gewisses Erstaunen aus, als wir ihnen erklärten, dass uns das Projekt bisher keinen einzigen Rappen gekostet hat. Selbst die Farbprospekte wurden gratis durch die ETHL gedruckt dank Philippe Bujard, einem ehemaligen Piloten der Staffel 4!

Claude Nicollier: Dies ist ein Aspekt des Reichtums unseres Milizsystems in dieser Staffel. Die verschiedenen Berufsgattungen waren vertreten und die entsprechenden Talente werden jetzt zugunsten unseres Projekts eingesetzt.

 

Wann soll das geplante Museum eröffnet werden?

Fernand Carrel: Wir hatten auf ein zeitliches Zusammenfallen mit der Eröffnung der Expo 02 gehofft. Aber das Datum ist an das Sponsoring geknüpft. Wir möchten erst starten, wenn wir sicher sind, das Unternehmen ohne Risiken finanzieren zu können. Im Moment schätzen wir, dass wir einige Monate Verspätung haben werden.

 

Sie sind also noch auf der Suche nach grösseren Geldgebern?

Fernand Carrel: Wir benötigen 1,5 Millionen Franken, um mit dem Bau beginnen zu können. Wir haben soeben die psychologische Schwelle von einer Million überschritten dank grösserer Spenden von McDonald’s, Aéroport International de Genève, Loterie Romande, Nestlé, Swisscontrol, Breitling, aber auch RUAG, Aero-Club der Schweiz, Métraux Services usw. Im übrigen (mit einem Augenzwinkern zu Claude Nicollier) hat die «Amicale» der «4» (Red: Carrel's ehemalige Staffel) mehr gespendet als die «5»!

 

Ein modernes Museum braucht vor allem Animation. Gibt es da schon konkrete Pläne?

Fernand Carrel: Es wird einen Veranstaltungsraum, einen Konferenzraum, eine Cafeteria und vor allem funktionstüchtige Flugsimulatoren geben: der Mirage-IIIS- und der Schiesssimulator AS-30 Noras. Da werden Sie weit und breit nichts Exklusiveres finden!

Claude Nicollier: Ich werde dem Museum eine Anzahl Gegenstände übergeben, die ich auf meine Weltraummissionen mitgenommen habe. Es wird auch ein interaktives System geben im Bereich der Erforschung des Weltraums. Das faszinierende Weltraumabenteuer, das ich das Privileg hatte zu erleben, deckt etwa die Hälfte der Periode von 1950 bis 1999 ab. Es wird in diesem Projekt ein «Espace Nicollier» geben, das aber noch definiert werden muss.

 

Claude Nicollier, anlässlich Ihrer ersten Weltraummission im Jahre 1992 hat der ehemalige Bundespräsident Adolf Ogi zum ersten Mal sein berühmtes «Freude herrscht» öffentlich ausgerufen. Wann werden wir die grosse Freude haben, Sie wieder abfliegen zu sehen?

Claude Nicollier: Die NASA hat mich informiert, dass sie die Absicht habe, mich wieder in eineinhalb bis zwei Jahren einzusetzen, voraussichtlich im Rahmen der Montage der Internationalen Raumstation. Es wird dies mein fünfter Flug sein und ich freue mich darauf. Meldung an die «5»: Haltet die Fahne bereit!

Interview: Anne-Marie Renati & Hansjürg Klossner

 

Baubeginn

Der von Claude Nicollier präsidierte Stiftungsrat hat die nötigen Mittel zusammen. Veranschlagte Kosten für das neue Museum: 1,62 Millionen Franken.

Das Geld stammt von privaten Geldgebern und der Gemeinde Payerne.

Das Ausstellungsgut steht bereits zur Verfügung.

Baubeginn ist der 6. November 2001. Die Arbeiten sollen bis Ende Juni 2002 abgeschlossen werden. Die offizielle Grundsteinlegung ist für Mitte Dezember vorgesehen.

 

Mitglied werden

Um Mitglied von «ESPACE PASSION» zu werden, wenden Sie sich an:
Musée de l’Aviation Militaire de Payerne
c/o OFEFA Aérodrome militaire
1530 Payerne
Email: ofefa.payerne@lw.admin.ch

Wenn Sie das Museum unterstützen wollen, überweisen Sie Ihre Spende an: Fondation du Musée de l’Aviation Militaire de Payerne CCP 17-54690-5
Ihre Spende berechtigt Sie zu:
  • Eintrag im Goldenen Spenderbuch ab CHF 100.-
  • Gratiseintrittsbillette ab CHF 100.-
  • Gratiseintrittskarte(n) auf Lebenszeit ab CHF 500.-

 

Für Fragen zu dieser Seite: Kommunikation Luftwaffe
Zuletzt aktualisiert am: 12.05.2010
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