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Schweizer Luftwaffe

Die fliegenden Helden von Kukes

01.01.2002

Die fliegenden Helden von Kukes (Vergrösserung im neuen Fenster)Vergrösserung im neuen Fenster
SonntagsBlick 2. Mai 1999

"Im Heli denkst du nicht an die Gefahr"

Die mutigsten Piloten der Schweiz im Hilfseinsatz

VON CARL JUST (TEXT UND FOTOS) AUS ALBANIEN

«Uff!» Mariano Spada (33) atmet tief durch. Sein Superpuma ist sicher am Boden. Auch die 30. Landung auf dem Kiesplatz vor den Flüchtlingslagern von Kukes ist gelungen. Wie immer hat er seinen schwer beladenen Heli nur 50 Meter über Boden in eine steile Rechtskurve gelegt, um punktgenau aufzusetzen. Und mitten in dieser Schräglage leuchtete diese rote Lampe auf. Die Lampe zeigt an, dass eine der beiden 1700 PS starken Turbinen ausgefallen ist. «Es war Fehlalarm - zum Glück», sagt Spada. «Sonst wäre es eng geworden.»

Co-Pilot Werner Tarnutzer lächelt seinem Captain anerkennend zu. Das Adrenalin verflüchtigt sich, der Puls sinkt wieder dahin, wo er hingehört. Die beiden HeliPiloten machen sich ans Ausladen der zwei Tonnen Hilfsgüter - diesmal sind es Medikamente aus Spanien, gespendet vom Algerischen Roten Halbmond für die islamischen Brüder hier oben im Elendslager von Kukes.

Spada, der Tessiner Chefpilot aus Airolo, und Tarnutzer, der Bündner aus Klosters, kennen die gefährlichen Berge und Schluchten im Grenzgebiet zwischen dem Kosovo und Albanien mittlerweile fast so gut wie die Täler und Gipfel der heimischen Leventina und des Prättigaus. Die beiden jungen Familienväter waren dabei, als die Schweizer Airforce in der Woche nach Ostern die drei Superpumas nach Albanien überführte. Sie flogen eine Woche lang die ersten, chaotischen Einsätze, ruhten sich danach zu Hause fünf Tage aus. Und jetzt sind sie am Ende ihres zweiten Einsatzes, noch einmal zehn Tage Tirana-Kukes, Kukes-Tirana. Hilfsgüter hoch in die Berge, schwer verletzte und kranke Flüchtlinge zurück ins Tal. Tarnutzer und Spada sind nicht die Einzigen - auch andere Piloten fliegen schon zum zweiten Mal an der Flüchtlingsfront. Die besten Heli-Flieger der Schweiz leisten hier ihren sinnvollsten Einsatz.

Das letzte Jahr des Jahrtausends hat sich für die Superpuma-Besatzungen hektisch angelassen. Erst transportierten sie die Polit- und Wirtschaftspromis aus aller Welt ans Wirtschaftsforum nach Davos. Dann flogen sie Hilfseinsätze für die lawinengeschädigte Bergbevölkerung. Und kaum war das durch, bahnte sich im Kosovo die humanitäre Katastrophe an. Daneben lief für die Berufspiloten der Normalbetrieb weiter. «Mit Skiferien war da nichts», sagt Tarnutzer.

Die Armee ist ein hierarchischer Verein. Der Kommandant gibt die Interviews, wird fotografiert und gefilmt. Die Soldaten und Piloten arbeiten, sie fliegen an die Front. SonntagsBlick flog mit. Keine gestellten Sonderflüge für den Reporter, sondern Gefälligkeiten am Rande der humanitären Katastrophe. Wir fotografierten am Rande der Arbeit, wann immer die Piloten ein Plätzchen fanden, um uns freundlicherweise auszuhelfen. Damit wir unsere Arbeit rechtzeitig abliefern konnten, wenn die Zeit für die zehnstündige Autofahrt in die Flüchtlingslager im Norden mal wieder fehlte: «Wenn es geht, nehmen wir dich gerne mit. Aber du bist sechste Priorität.»

Im Tiefflug, nur 50 Meter über Boden, schleicht der Heli durch die Schlucht bergwärts. Die Festungswächter hinten im Frachtraum beobachten durch die Luken die Felsen und Steilhänge - die Maschinenpistole griffbereit. Tarnutzer zieht die Maschine über den kleinen Sattel, lässt sie dahinter sofort wieder abfallen, versteckt sich im nächsten Tal. Der Kosovo, wo Milosevics Schlächter wüten, ist nur noch 20 Kilometer entfernt. Die Serben verfügen über moderne, schultergestützte Flugabwehrraketen. Für sie wäre es ein Leichtes, einen hoch fliegenden Hubschrauber abzuschiessen. Deshalb versteckt Tarnutzer seinen Heli in den Tälern, zwischen den Felsen.

Als vor 14 Tagen die Gefechte und Scharmützel an der albanisch-kosovarischen Grenze eskalierten, waren die Schweizer ein paar Tage lang die Einzigen, die noch in den Norden flogen. Die Nato-Helis blieben am Boden. Die neutralen Schweizer, so hoffte man, würde man schon nicht abschiessen. Jetzt will man die Helis weiss bemalen, um sie noch deutlicher von den Armee-Helikoptern zu unterscheiden.
Wie gefährlich ist es wirklich, hier zu fliegen?

Spada: «Wir fliegen tief, um jede unnötige Exponierung zu vermeiden. Aber wir haben immer die nötige Sicherheitsreserve - auch wenn eine der beiden Turbinen ausfallen würde.»

Ausser es wäre dann halt wirklich ausgerechnet in der Steilkurve bei der Landung. Denkt ihr beim Flug an die Gefahr? Daran, dass euch plötzlich eine Rakete runterholen könnte?

Spada: «Nein, im Heli denkst du nicht an die Gefahr. Du fliegst, und fertig. Nur am Morgen und am Abend wird mir bewusst, dass wir sehr nahe am Krieg sind. Wenn ich die Apache-Helikopter direkt neben unserem Camp sehe.»

Im multikulturellen Chaos der tausendköpfigen humanitären Hilfsmaschinerie wechselt Mariano Spada mühelos von Sprache zu Sprache. Jetzt hat er ein Heimspiel. Er lehnt am roten Jeep der italienischen Vigili del fuoco neben dem Camp von Kukes und plaudert mit dem Feuerwehrmann. Thema: die Apache, die Kampf-Helis, die auf ihren Einsatz gegen die serbischen Mörderbanden im Kosovo warten. Der Italiener informiert über seine Beobachtungen der Vorbereitungen im Norden, der Schweizer über das, was er unten am Airport von Tirana sieht. Das ist nicht Neugierde, sondern professionelle Umsicht. Wenn die Apaches losschlagen, steigt der Adrenalinspiegel der Heli-Piloten in den roten Bereich. Neben Helis, die angreifen, mit den eigenen Helis Hilfe einzufliegen wird zum Drahtseilakt. Aber noch lange nicht unmöglich - nicht für die fliegenden Helden von Kukes.

Spada und Tarnutzer sind Macher - keine Schwätzer. Der Versuch, ihnen Grundsatzerklärungen zu entlocken, bringt vorerst nur dürftige Ergebnisse. «Es ist ein sinnvoller Einsatz - das Helfen an sich», sagt Tarnutzer.

Gab es in den drei Wochen auch ein besonders schönes Erlebnis? «Etwas richtig Schönes ... eigentlich nein», sagt Spada. «Immer wenn ich denke, jetzt ist es gut ... taucht da wieder ein Kind ohne Schuhe auf. Jedesmal wenn ich hochfliege nach Kukes, habe ich gemischte Gefühle. Was werde ich diesmal sehen, da oben?» Werner Tarnutzer dagegen findet den schönen Moment in seiner Bilanz: «Ich habe ein Meitli mit Hirnhautentzündung aus Kukes ausgeflogen. Die Eltern kamen mit. Nach der Landung in Tirana haben sie mir stumm die Hand gedrückt», sagt er. Ihr seid Militärpiloten - hättet ihr je gedacht, dass euer erster Ernstfall so aussieht? Dass ihr Brot, Medikamente und Wolldecken für hungernde Flüchtlinge transportiert?

Spada: «Nein, das habe ich sicher nicht gedacht, als ich mich entschied, Militärpilot zu werden. Aber ich finde das eine gute Entwicklung, wenn das Ganze in diese Richtung geht», sagt Spada.

Und dann fragt er : «Was wisst ihr Journalisten? Wann greifen die Apache an?»

 

Foto mit Text: Welcome in Kukes: Co-Pilot Werner Tarnutzer und Captain Mariano Spada haben ihren Superpuma wieder einmal sicher vor der Flüchtlingsstadt gelandet.

 

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Zuletzt aktualisiert am: 01.03.2012
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